Durch den immer stärker voranschreitenden technischen Fortschritt in Bereichen wie der Robotik und der Digitalisierung ist die Medizintechnik einem starken Wandel ausgesetzt, der neben neuen Herausforderungen eine Vielzahl an neuen Chancen bietet. Innovationen haben Standardverfahren in den unterschiedlichsten Bereichen abgelöst und zu vorher nicht denkbaren minimalinvasiven Eingriffen geführt.

“Der Anteil an minimalinvasiven Eingriffen an der Bauchaorta hat sich zwischen 2006 und 2016 mehr als verdoppelt.”

BARMER-Gesundheitsreport 2018

In diesem Artikel wollen wir gemeinsam mit klinischen Endanwendern einmal einen genaueren Blick auf Entwicklungen, Trends und Chancen in der minimalinvasiven Chirurgie werfen.

Wir haben zu den Entwicklungen drei klinische Key Opinion Leader (Endanwender) aus der Bauchchirurgie befragt und um eine Einschätzung über kommende medizintechnische Trends gebeten:

Wie klinische Endanwender aktuelle Trends in der minimalinvasiven Chirurgie bewerten 1
Geschäftsführender Oberarzt der UKE Hamburg

Prof. Dr. Daniel Perez

Dr. med. Perez, Facharzt für Viszeralchirurgie inkl. spezielle Viszeralchirurgie, Proktologie und Thoraxchirurgie, ist in leitender Funktion in der Viszeral- und Thoraxchirurgie in Hamburg-Eppendorf tätig. In den vergangenen 10 Jahren konnte er maßgeblich zur Weiterentwicklung minimal-invasiver und roboter-assistierten Operationstechniken in Zusammenarbeit mit Firmen wie Intuitive Surgical, Google und Johnson & Johnson (Verb Surgical) beitragen.
Wie klinische Endanwender aktuelle Trends in der minimalinvasiven Chirurgie bewerten 2
Konsiliaroberarzt am Klinikum rechts der Isar München

Prof. Dr. Stefan Thorban

Prof. Dr. Thorban ist habilitierter Oberarzt und Leiter der Pankreas- Nierentransplantation in der chirurgischen Klinik und Poliklinik im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Vor seiner chirurgischen Tätigkeit arbeitete er in der Pathologie, verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Transplantation von Niere, Leber und Bauchspeicheldrüse und war bis 2018 chirurgischer Leiter des Transplantationszentrums.
Wie klinische Endanwender aktuelle Trends in der minimalinvasiven Chirurgie bewerten 3
Oberarzt am LMU-Klinikum München

Prof. Dr. Dr. h.c. Konrad Karcz

Prof. Dr. Dr. Karcz, allgemeiner, onkologischer, metabolischer, minimal-invasiver und roboter-geschulter Chirurg, leitet die Sektion für minimal-invasive Chirurgie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Mitglied in zahlreichen internationalen Organisationen wie EAES (European Endoscopic Surgery Association) oder der International Medical Robotics Association.

Was wir herausgefunden haben:

Welche Technologie der letzten Jahre den größten Einfluss auf die Endanwender hatte

Hier sind sich die befragten Experten einig: Den größten Impact hatte die Einführung robotischer Systeme. Damit konnte als Folge das Ausmaß der postoperativen Traumata bei der Durchführung laparoskopischer Eingriffe erheblich verringert werden. Die Technologie hat sich wegen vieler Vorteile schnell von Urologie und Neurochirurgie in immer mehr Fachgebieten als Standard etabliert. Als weitere Meilensteine werden die verbesserte Kameraführung und Optik bei laparoskopischen Eingriffen und die 3D-Rekonstruktion von CT-Daten für die Operationsplanung erwähnt. Professor Karcz ergänzt zudem die Fluoreszenzspektroskopie, welche genauere Informationen zur Durchblutung von Organen und Gewebe bereitstellt, die proportional zum Heilungsverlauf steht und dadurch Aussagen über mögliche Komplikationen zulässt. 

Welche innovativen Technologien in den nächsten 5-10 Jahren den größten Einfluss auf die minimalinvasive Chirurgie haben werden

Die Experten erwarten eine zunehmende Verbreitung der Robotik. Durch Erweiterungen dieser auf Algorithmen basierenden chirurgischen Assistenzsysteme, Instrumenten-Tracking und Augmented Reality wird die Robotik auf die nächste Entwicklungsstufe gehoben, welche die Arbeit erleichtern und Gefahren weiter vermindern wird. Blickt man noch weiter in die Zukunft, so könnten die technischen Einheiten in einigen Jahrzehnten noch weiter miniaturisiert werden und so kleinere Roboter Teile der OP übernehmen oder bereits präventiv beispielsweise zur Säuberung des Verdauungstraktes eingesetzt werden.

Welchem Aspekt der Usability die Entwickler zukünftig mehr Beachtung schenken sollten

Laut Professor Perez ist die Benutzerfreundlichkeit in der Medizintechnik für die Verwendung von Innovationen in der Praxis von zentraler Bedeutung. Geräte mit mangelnder Benutzerfreundlichkeit stellen einen potenziellen Risikofaktor im OP dar und werden deshalb in der Praxis vom behandelnden Arzt sehr ungern eingesetzt. Fortwährendes Training der Endanwender durch die Hersteller soll entsprechende Expertise für die Verwendung der komplexen Gerätschaften im OP aufbauen. Professor Karcz ergänzt, dass von Seiten der Medizinproduktehersteller der entwicklungsbegleitenden Einbindung der Endnutzer (inkl. des kritischen klinischen Personals) mehr Beachtung geschenkt werden sollte, um eine Entwicklung des Medizinprodukts auf Basis der Anforderungen des Anwenders gewährleisten zu können.

Welche Probleme in Zukunft besser gelöst werden sollten

Professor Thorban wünscht sich eine verbesserte Kompatibilität zwischen einzelnen Geräten. Darüber hinaus sollten sich Medizinproduktehersteller auf die wesentlichen Funktionen eines Produktes fokussieren, statt dieses unnötig komplex zu gestalten.

Mehr davon? Jetzt unseren Newsletter abonnieren!

Regelmäßig kostenlose anwendernahe Insights in News und Trends der Medizintechnik erhalten.

Kunden die uns bereits vertrauen

Florian Neumeier

Author Florian Neumeier

Florian studied bioengineering and stochastic engineering at the University of Applied Sciences in Munich. Since 2018 he works as a project manager in AI and user-driven product development and business developer at M3i. Within a funded project in medical engineering Florian worked as project coordinator at the LMU Clinical Center.

More posts by Florian Neumeier